· 

Ode an den Müßiggang

Ich liebe meine Hängematten-Lese-Sessions mit einem Glas Wasser, einer Schmusedecke auf den Knien und Kater Karl zu meinen Füßen. Manche Bücher ziehen mich in ihren Bann und wollen verschlungen werden. Aber dieses hier ist eines von denen, die ich bewusst langsam genieße. Manchmal nehme ich nur einen einzigen Satz zu mir, lehne mich zurück und "verdaue" mit geschlossenen Augen. Sehr selten (aber doch) kippe ich bei der Gelegenheit in ein Verdauungsschläfchen. In dem Fall, muss ich zugeben, bin ich gnadenlos in einen Tiefschlaf weggeratzt.

 

Ich schlafe, bin aber bei vollem Bewusstsein. Bereits leicht gestresst bemerke ich, dass ich meine Augen nicht öffnen kann. Der Stress wächst, als mir klar wird, dass ich als Teilnehmerin eines Vortrags im Publikum sitze. Und, ja – natürlich ist die Teilnehmerzahl begrenzt und der Redner muss bereits bemerkt haben, dass offensichtlich in der ersten Reihe jemand eingepennt ist! Bei der Vorstellung spüre ich wie mein Herz zu rasen beginnt und - so sehr ich es auch versuche - ich kann meine Augen nicht öffnen.

 

Ich fühle mich schuldig, weil ich dem Redner nicht die verdiente Aufmerksamkeit entgegen bringe. Ich schäme mich dafür, dass ich hier - samt Schmusedecke auf den Knien - in der Öffentlichkeit eingeschlafen bin. In meiner Panik setze ich ein falsches Lächeln auf. Zum Glück gehorcht mir wenigstens der Teil meines Gesichts! Ich hoffe inständig den Anschein zu erwecken ich wäre - in wohlwollender Zustimmung lächelnd - in Gedanken versunken. Besser kann ich die Situation in dem Moment wohl nicht hinbiegen ... bis mir bewusst wird: das ist nur ein Traum!

 

In meinem Dämmerzustand beginnt mein Gehirn meinen Stress zu analysieren und stellt fest: Nicht mein Nichtstun stresst mich, sondern das Gefühl etwas zu verpassen, externe Erwartungen nicht zu erfüllen oder andere Menschen zu entäuschen. Ich entlasse den Redner dankend aus meinem Traum,  nehme mich wieder in meiner Hängematte wahr, die sich ganz sanft im Rhythmus meiner Atmung bewegt. Mit der Gewissheit hier und jetzt meinen Beitrag zur Rettung der Welt zu leisten genieße die Wohltat, meine Seele baumeln zu lassen.

In einer Sprache, die sich liest wie ein geistiger Spaziergang durch den Wald, schreibt Martin Liebmann von der Wichtigkeit des bewussten Innehaltens in einer immer schnellebiger werdenden Welt. Er führt durch die Nachhaltigkeit von Nicht-Besitz, die Herausforderung der Gegenwartsschrumpfung und weist auf den Irrglauben hin, dass ein gefülltes Leben automatisch ein erfülltes Leben sei. Das alles macht er erfirschend lebendig und überraschend humorvoll.

 

Würden wir uns all das verinnerlichen, „... dann ginge es nicht mehr darum, so viel wie möglich anzuhäufen, sondern so aufmerksam wie möglich zu sein, was uns wirklich begeistert. Die Angst vor dem Versäumnis würde der Liebe zum Leben weichen.“ Das Buch wird bestimmt für eine lange Weile eins meiner Lieblingsbücher bleiben!